Donnerstag, 13. April 2017

Eine Reise durch Chen Tee’s Taiwan

Bei meiner Beschäftigung mit Tee ergeben sich oft zwei Möglichkeiten. Es gibt ein Ziel, eine Erkenntnis, die ich gewinnen will und ich beschäftige mich damit, strebe darauf zu. Oder ich lasse es geschehen und beobachte, was sich ergibt. Nur muss ich oft einen Anstoß geben und hoffe, dass etwas passiert. Meist geht das eine ohne das andere nicht.



Nun also fahre ich mit meiner Frau in die Stadt um ihr einen interessanten Teeort zu zeigen. Ich selbst war schon mal dort und hatte erste Eindrücke gesammelt. Aber ich mache mich frei davon, als ich die Tür mit einem Ruck öffne, gehe ich hinein und schaue mich um.

Das ist kein Teeladen im herkömmlichen Sinne hier. Keine lange Reihe von Dosen aus Blech, gefüllt mit Tee jedweder Art. Einzelne Dinge sind angeordnet, es ist schwer zu beschreiben, eher wie eine Ausstellung. In der Mitte ein riesiger Tisch, dessen Geschichte mir später noch dargereicht wird. Wobei Geschichten hier aus jedem Ding springen könnten. Und sich dann durch den gesamten Nachmittag ziehen werden.
Ich gehe einmal im Rund um Verschiedenes zu betrachten und ergebe mich dann doch diesem Sog des massiven Tisches, lasse mich daran nieder und beobachte ab jetzt einfach, was sich entwickelt.

Es wird eine ganze Geschichte, bestehend aus einzelnen Geschichten, erzählt vom Herren hinter dem Tisch und einem weiteren zufälligen Gast, der bescheiden und ruhig an der Stirnseite sitzen wird, hochgelobt vom Gastgeber. Jahrzehnte taiwanesischer Erfahrungen, die da zusammenfließen und uns teilhaben lassen an einer Welt, die uns selbst unbekannt ist.

Es gibt Tee. Ich bin bescheiden und setze meine Erfahrungen herab, weil ich um deren Unvollständigkeit weiß. „Aboriginal Wulong“ Und ich fragte mich schon vorher, was dieses „Aboriginal“ zu bedeuten hätte. Dieser Tee war eines der Ziele meiner Reise, denn er war mir beim ersten Besuch damals hochgelobt angekündigt worden aber nicht vorrätig.

Nun, diesmal gerade frisch eingetroffen, wie für mich bereit. Doch oh Schreck! Eine der Packungen scheint undicht zu sein und die Frage steht erschreckend laut im Raum: Ist er noch gut oder hat er Feuchtigkeit gezogen? Wir werden da gleich mit einbezogen, müssen ergründen, wie es um die „Gesundheit“ des Aboriginal zu stehen scheint.



Für mich ein sehr schöner Oolong klassischer Art, wie ich ihn mag, etwas zu stark gegossen für meinen Geschmack, aber deshalb nicht unangenehm. Wir erkennen typische Oolongaromen, etwas Osmantus, aber auch etwas Malziges. Wir probieren mehrerer Aufgüsse und kommen zu dem Schluss, dass der Tee frisch ist und nichts ihm geschadet hat.

Immer wenn ich dem Aroma eines Tees noch nachhänge, wird mir ein kleines Holz mit einer anderen Sorte Tee zugereicht, wird das Thema gewechselt, bekommen wir einen breitgefächerten Eindruck von Vielfalt.
Jetzt wird es „heller“, „grüner“. Es folgt ein „Abgesang“ auf eine Teeart, die es bedingt durch klimatische Veränderungen, sprich Regen, in Zukunft schwer haben wird, so wird mir erzählt.

Der „4 Seasons“, für mich ein leichter Frühstückstee, steht allgemein für taiwanesische Hochlandoolongs, die irgendwie aromatisch, aber auch weich im Hals sein sollen und trotz aller Wiedersprüche zum Thema Anbau und Verarbeitung, eine treue Fangemeinde haben.

Dann wird mir ein Tee zugereicht, der optisch absticht. Ich kannte japanische Stängeltees schon vorher, wusste aber nicht, dass auch so stark oxidierte Varianten angeboten werden. Überaschend starke Aromen, sowohl im Trockenen als auch im Aufguss, etwas schokoladiges, für mich persönlich etwas Malzkaffee. Also sehr interessant, aber eher für einen besonderen Tag und nicht so regelmäßig.
In der Holzschale befand sich nun ein Tee, der etwas wie „Kraut und Rüben“ aussah und mir trocken nach sehr wenig duftete. Aufgegossen wird es mir klar, dass der erdige Geruch und Geschmack nur ein Puerh sein kann, der schon einige Jahre gelagert hat. Angenehm ist, dass dieser Puerh nicht so aufdringlich, als im Sinne von muffig erscheint, sondern in seiner Zurückhaltung angenehm klar und „trocken“ rüberkommt.
Da ich im Nachhinein aus der Erinnerung schreibe, überlege ich gerade, wann wir nach Griechenland abgebogen sind? Es gab einen griechischen Bergtee, „direkt von den Göttern des Olymp gepflückt“, für mich so angenehm frisch und stark wie ich ihn noch nie vorher erleben konnte. Viele kräutrige Aromen wie Anis und Fenchel, etwas Minziges und sicherlich sehr ergiebig im Aufguss.



Mein Verhältnis zu Tieguanyin ist etwas gespalten. Aber ich wurde neben den „grünen“ Varianten jetzt auch schon mehrmals von gut verarbeiteten, oft gelagerten TGY überrascht. So auch von diesem bei „Chen Tee“ angebotenen. Der hat etwas hinter dem Aroma der Lagerung, was bei Geduld ganz gut zu erkennen ist und mir sehr gut gefällt.

Zum Abschluss gab es dann noch einen sehr dunkel oxidierten Oolong, der mich mit seinem klaren Aroma hinzu Hongcha verwöhnte, also einen Abschluss sowohl meiner körperlichen wie auch meiner geistigen Aufnahmefähigkeit bildete.
Schon fast im Hinausgehen bekomme ich noch zwei kleine Päckchen zugereicht in denen sich, wie ich später mit Freude feststellen kann zwei „namenlose“ Oolongs der grüneren aber sehr interessanten Art verbergen, die wir inzwischen natürlich schon ausgiebig verkostet und für sehr gut befunden haben.




Und so kann ich sehr angenehm an diesen Teenachmittag, durchsetzt mit vielen Geschichten rund um Tee und Taiwan, zurückdenken und, wenn ich jetzt im Nachhinein meine dort erworbenen Tees genieße, diese Bilder wieder aufleben lassen. Bilder die ich nicht durch Fotos belegen kann, da es mir immer unangenehm ist, solch runde Teeereignisse durch Fotoapparat- und Notitzblockhantierungen zu unterbrechen.


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